Zeitungsartikel der OZ

Stadtmitte. In einem von Rostocks ältesten Häusern zieht neues Leben ein: Das ehemalige „Kleine Haus“ in der Eselföterstraße öffnet nach jahrelanger, aufwendiger Restaurierung endlich wieder seine Türen. Und es soll künftig bei Frauen buchstäblich groß in Mode sein.
Wo sich einst Theater-Esemble kostümierten, können sich nun Rostocks Shopping-Queens einkleiden. „Ich kann’s kaum erwarten“, sagt Dagmar Kretschmer. Im Erdgeschoss eröffnet sie ihre Boutique „Room 23 Kleines Haus“ mit ausgewählter Damenmode. Am kommenden Montag will sie die ersten Kundinnen begrüßen. „Vielleicht kallpt’s auch schon Samstag.“ Damit Frauen dann nach Herzenslust Frühlingstrends ausprobieren können, kommt quasi im Stundentakt Ware. Kurz vor der Neueröffnung geben sich Paketboten die Klinke in die Hand. „Jeder Tag ist wie Weihnachten“, scherzt Dagmar Kretschmer.
Während sie drinnen Karton um Karton auspackt, drücken sich draußen Passanten am Schaufenster die Nase platt. „Wollen Sie mal einen Blick reinwerfen?“ Fragt Dagmar Kretschmer und bittet eine Frau in den Laden, die sofort die bereits hängenden Kleider bewundert. „Genau mein Ding!“ Das hört die Shop-Inhaberin gern. Denn: „Mit dem Laden geht für mich ein großer Traum in Erfüllung.“ Das dürfte auch auch auf die zutreffen, die ein Herz für Historie haben. Denn die neue Shopping-Adresse hat Jahrhunderte Rostocker Stadtgeschichte erlebt, war zuletzt allerdings mehr Schandfleck denn Sehenswürdigkeit.
Das „Kleine Haus“ war einst das Logierhaus des Heiligen-Geist-Hospitals. Errichtet wurde es wohl bereits 1589. Bis 1954 wurde es auch als Hotel „Stadt Doberan“ genutzt. Danach zog das Rostocker Volkstheater mit einer Spielstätte ein, was dem Bau seinen Namen gab. Ab 1996 stand das Haus leer und verfiel. Ab 2015 wurde das „Kleine Haus“ für 1,5 Millionen Euro rundum erneuert. Nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäudeteile wurden abgerissen, der restliche Bau entkernt. Nahezu unberührt blieb nur die historische Fassade mit dem prägnanten Giebel. Sie leuchtet heute in rotbraun.
Bunt geht’s auch im Laden zu. Viele Teile sind knallig und auffällig gemustert – für Frauen, die sich was trauen. „Ich liebe Farbe. Trist war’s doch jetzt lang genug“, findet Dagmar Kretschmer. Ihr Sortiment reicht vom Sweatern, Kleidern und Jacken bis zu Senker und Handtaschen. Bei Kleidung soll es nicht bleiben. Die Inhaberin will einen Concept-Store aufbauen. Deshalb sollen künftig auch Wohnaccessoires im Shop zu haben sein. Auch die Ladeneinrichtung kann sich sehen lassen: Backsteinwände und alte Balken erinnern an früher. Zwischen brandneuer Markenmode steht ein Ansbach uraltes Rostocker Schätzchen: ein Fensterkreuz, fast 500 Jahre alt und einst Teil des „Kleinen Hauses“, soll einen Ehrenplatz bekommen.
Aktuell bestückt Dagmar Kretschmer Regale und Kleiderpuppen mit Fashion. Die ist international: Seidentuniken aus Israel, niederländische Streetwear, italienische Steppenwesten, Schafwolle-Shoppen aus Griechenland bereichern peu à peu das Sortiment. „Für jeden Geldbeutel und Geschmack ist was dabei.“ Wie man Mode an die Frau bringt, weiß Dagmar Kretschmer aus Erfahrung: Auf dem TV-Shopping-Sender QVC hat sie fünf Jahre lang Schuhe verkauft. Mit ihrem eigenen Store will sie sich nun selbst verwirklichen. „Der Laden ist mein Baby.“
Dafür ist sie vom Rhein an die Warnow gezogen. Dagmar Kretschmer hat die vergangenen 33 Jahre in Köln gelebt. Mecklenburg-Vorpommern ist ihre Heimat. Und die empfing sie mit offenen Armen: Auf die Gewerbefläche stößt sie zufällig beim Bummeln – und unerwarteter Weise ist sie noch zu haben. Die neue Wohnung findet sie genau dort, wo sie sie finden wollte – am Weißen Kreuz in Brinckmansdorf. Und als sie Mobiliar für den Laden sucht, bekommt sie das von einem Kollegen: Henrik Ernst, der seine Läden „Easy Way“ und „EasyWear“ in der Kröpi schließt, vermacht ihr Regale und Co. „Alles fügt sich wie von selbst – fast unheimlich“, sagt Dagmar Kretschmer und lacht.
Auch Anschluss habe sie in Rostock sofort gefunden. Zum Beispiel bei Melly und Mico Germanotta, den Chefs vom Restaurant „Blauer Esel“. Aus vielen ihrer bislang Fremden seien schon Freunde geworden, sagt Dagmar Kretschmer. Das Miteinander in der Straße sei toll. „Ich hab’ mich total in die Eselföter verliebt.“ Das macht Lust auf mehr: Die Unternehmerin denkt an Straßenfeste und Modenschauen, die die Gewerbetreibenden zusammen umsetzen könnten. Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst steht die Neueröffnung vom „Room 23 Kleines Haus“ an. Dagmar Kretschmer sehnt den Tag herbei. „Der Prosecco steht bereit.“